Metabunny

 

 

 

 

 

Acryl kam an die Macht, Acrylfarben, Kaufhausfarben, die von den Malern erst zu ihren neuen Farben gemacht wurden. (…) Godard zeigt, wie diese unnatürlichen Farben unsere alltägliche Umgebung geworden sind, in Made in U.S.A. stehen in einer Garage nebeneinander knallblaue, rote und gelbe Kanister. Dazwischen montiert Godard ein Vorgärtchen mit Blumen. Damit begreift man, dass die Naturfarben, die durch Jahrhunderte unsere Vorstellung von Farbe prägten, heute keine Chance mehr haben. “

 

Frieda Grafe

 

I went into an art store and it was full of American equipment. I’d tried acrylic paint in England before and I hadn’t liked it at all; texture, colours weren’t so very good. But the American ones I liked. It was superior paint. And so I startet to use it. (…) The very first picture I painted there was Plastic Tree Plus City Hall and the second was California Art Collector…”

 

David Hockney

 

„ Als Kaufhausfarben waren sie uninteressant. Aber auf den Bildern der Maler lassen sie erkennen, wie unsere Gesellschaft, wie die Zeit denkt…“, äußerte sich die Filmkritikerin Frieda Grafe in einem Interview (1) über die Wechselbeziehungen von Farbe in Film und Malerei und deren Wandel hin zu einer grellen Künstlichkeit im Verlauf der 1950er und -60er Jahre. Pop Art - Maler wie Andy Warhol oder Nicholas Krushenick wollten mit den modernen Farben nicht nur einem neuen Lebensgefühl Ausdruck geben, sondern glaubten auch, damit den Ballast der gesamten Malereitradition, welcher der Ölfarbe anzuhaften schien, loswerden zu können. Als sich David Hockney 1964 von London aus in sein ersehntes kalifornisches Swimmingpool-Arkadien aufmachte, entdeckte er in Los Angeles einen Künstlerbedarfsladen, der hochwertige Acrylfarben in seinem Sortiment führte, und Hockney wechselte prompt von der Öl - zur Acrylfarbe über (2). Ein halbes Jahrhundert später scheint die mittlerweile etwas verblasste, ehemals verheißungsvolle Strahlkraft von Acrylfarbe noch immer ein adäquates Medium zu sein, um digitale, massenmediale Bildwelten in Malerei zu transformieren.

 

 Zu sehen ist das auf den aktuellen Malereien von Mathis Bauer, die in den Jahren 2014 und 2015 entstanden sind. Das großformatige Bild Metabunny (2015) saugt den Blick des Betrachters in die Tiefe eines düsteren Waldes hinein, gleichzeitig handelt es sich um ein Stück postmoderner abstrakter Malerei. Mathis Bauer führt  hier eine virtuose Pinselstrichmalerei vor, die an die besten Zeiten des Abstrakten Expressionismus erinnert, sich jedoch als artifizieller, aus dickflüssigem Kunststoff bestehender Avatar entpuppt. Zwei gezielt auf die Bildfläche gegossene Farbpunkte (oder eben Farbaugen) verwandeln die  Szenerie in ein Hasengesicht, das dem Betrachter stumm die Frage stellt: „What do you represent?“ (3). Bauers Malweise zeichnet sich dabei durch einen bewusst lakonisch, expressiven Umgang mit der spezifischen Materialität von Acrylfarbe aus. Dünn lasierte, von einem lässigen Pinselduktus belebte, monochrome Flächen wechseln mit durch Acrylzusatzmittel wie Leichtstrukturpaste, Verdicker oder Gloss Super Heavy Gel erzeugtem, reliefartigem Impasto ab. Die aufgestrichenen und gegossenen pastosen Oberflächen weisen im Gegensatz zu einer meist strukturierten, pastosen Haptik bei Ölfarbe eine perfekte Glätte auf. Softe Kanten, seidenmatter Glanz und eine künstliche Farbigkeit stellen eine Verbindung zu Apples retrofuturistischem Produktdesign von iMacs oder iPhones her und spiegeln die Ästhetik digitaler Reproduktionstechniken wider.

 

TAME (2014) und SUPA (2015) greifen stereotype Postkartenmotive sonniger Mittelgebirgslandschaften oder putziger Fertighäuser auf, um diese malerisch zu zerlegen. Die in die Bilder eingeschriebenen Titel kommentieren diese (auch typografisch) auf mehrdeutige Weise und legen die Spur zu einer möglichen narrativen Lesbarkeit der Bilder. So könnte sich TAME (= geistlos, fade, lahm) selbstironisch auf die eigenen malerischen Mittel, auf die jüngere Malereigeschichte generell, aber auch auf die herrschende, gähnende Langeweile in so einer Vorortsiedlung beziehen. Das lassen die beiden auf einem fast schon anstreicherhaft gepinselten, grünen Hintergrund skizzierten Einfamilienhäuser, über deren Dächer das Wort TAME in blutroter Farbe drohend wie ein Damoklesschwert schwebt, vermuten. Hinzu kommt ein aufgeklebtes Papier mit dem gezeichneten Konterfei des kauzigen Möchtegernkünstlers Thaddäus Quentin Tentakel aus der US-amerikanischen Zeichentrickserie SpongeBob, welches auf wahrscheinlich lange Nachmittage vor dem Fernsehgerät sowie auf pubertäre Tagträume, dem provinziellen Alltag entfliehen zu können, hindeutet.

 

Die Ambivalenz von Bauers Malerei zeigt sich auch in einer Serie von an die Wand gelehnter Hochformate o.T.(2015), welche einerseits die minimalistische Objektästhetik eines John McCrackens appropriieren, andererseits diese in anthropomorphe Wappenschilde transformieren, auf denen in liquidem Aggregatszustand befindliche, cartoonartige Physiognomien zu sehen sind. Der nach unten wegfließende, existentialistische Bildinhalt wird durch die kalkulierte Thematisierung der Fließgeschwindigkeit von Acrylfarbe sofort wieder konzeptuell aufgefangen. Wer will, kann sich auch an zerstörte Altmeister - Gemälde erinnert fühlen, die in den 1980er Jahren dem Säureattentäter Hans-Joachim Bohlmann zum Opfer fielen (4).

 

Die Vermischung von Bildwelten aus Comics und Computerspielen, der jüngeren Malereigeschichte sowie des Designs, digitaler Bildbearbeitungseffekte, aus Werbung und Typographie lässt sich gut an dem aus 18 je 45x40 cm großen Tafeln bestehendem Bildfeld La Vache qui rit (2014) studieren, das wie in einem Chemiebaukasten alle Malerei-Ingredienzien enthält, aus denen sich Bauers Malereiamalgam zusammensetzt. Hier finden sich modernistische Piktogramme, psychodelische Dekostoff-Abstraktionen, New-Wave Typen, sich selbst auskotzende Plüschmonster, hingegossene Schlangenlinien, Bauhäusler, Neoplastizisten und  Grinsekatzen zu einer parodistischen Polke & Picabia - Gedächtnisparade ein. Auffällig viele groteske Gesichter sind hier versammelt, die sich hinter der  Mimikry von abstrakter Kunst verstecken wollen. Bauers variantenreiches mit ironischen Nadelstichen perforiertes Feld unterschiedlichster Spielarten postmoderner Malerei lassen ihn auf einem Weg fortschreiten, der von Malerinnen wie Michel Majerus, Albert Oehlen oder Laura Owens geebnet wurde...“Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn (5). Das Sampling sowie eine Aversion gegen aufgeplustertes Authentizitätsgebaren, das Verwischen von medialen und hierarchischen Grenzlinien prägten diese Malereipositionen aus den 1990er Jahren, zu deren Merkmal auch die Entdeckung neuartiger Grafiksoftware gehörte, um erste Schritte in Richtung einer „digitalen Malerei“ zu erproben.

 

Die heutige Dominanz von Digitalität in allen Lebensbereichen sickert in die Malerei von Mathis Bauer ein und generiert ständig neue Bildhybride, die zwischen existentiellem Aufruhr - Protect me from what I am - Kill me - eat me alive - Der letzte Schrei, konzeptuellem Gebrauch malerischer Mittel und medialem Multitasking hin - und herpendeln. Seit die flüssig morphenden Bilder auf unseren LCD-Bildschirmen und Touchscreens zum Alltag geworden sind, hat sich unsere Wahrnehmungsschraube wieder um ein Stück weitergedreht. In seinen analog zu dieser Entwicklung stehenden „liquid-cooled“ Malereien gelingt es Mathis Bauer, dem gegenwärtig gefühlten Dauerzustand der Auflösung ein Gesicht zu geben.   

 

 

(1) Tomaten auf den Augen - Die Geschichte des Farbfilms ist die Geschichte einer Verdrängung, Gespräch mit Miklos Grimes, 1989. Frieda Grafe, Filmfarben, Schriften 1.Band, S.58,59 und 61, Berlin, 2002

 

(2) David Hockney by David Hockney, My Early Years, S.98, Hg. Nikos Stangos, London, 1976

 

(3) Zitat aus Ad Reinhardts art cartoon: How to Look at a Cubist Painting, P.M., Januar 1946

 

(4) siehe hierzu: https:/de.wikipedia.org/wiki/Hans-Joachim_Bohlmann zuletzt aufgerufen am 25.11.2015


(5) Das Album Autobahn von Kraftwerk erschien 1974. Das ursprüngliche Schallplattencover zeigt eine typisch deutsche Mittelgebirgslandschaft, die von einer        Autobahn durchschnitten wird. Emil Schult malte das Motiv in einem die nüchtern-idealisierende Reklamemalerei der Wirtschaftswunderzeit ironisch zitierenden Stil.

 

 

Marcus Weber (2015)